Hernien: Anatomie, Arten und Therapie
Was sind Hernien?
Eine Hernie (Eingeweidebruch) ist eine Erkrankung, bei der sich Bauchraumbestandteile (z. B. Darm oder Fettgewebe) durch eine angeborene oder erworbene Schwachstelle in der Bauchwand oder anderen Gewebestrukturen nach außen vorwölben. Typisch ist eine sichtbare oder tastbare Vorwölbung, die oft mit Schmerzen oder einem Druckgefühl einhergeht. Hernien bestehen aus drei Hauptbestandteilen:
- Bruchpforte: Die Lücke, durch die der Bruchinhalt austritt.
- Bruchsack: Eine Ausstülpung des Bauchfells (Peritoneum), die den Bruchinhalt umgibt.
- Bruchinhalt: Kann aus Fettgewebe, Darmschlingen oder anderen Organen bestehen.
Anatomie und Entstehung
Hernien entstehen durch eine Kombination aus einer Schwachstelle in der Bauchwand und einem erhöhten Druck im Bauchraum. Zu den häufigsten Ursachen zählen:
- Angeborene Defekte (z. B. unvollständiger Verschluss des Leistenkanals).
- Erworbene Belastungen wie schweres Heben, chronischer Husten, Verstopfung oder Schwangerschaft.
- Bindegewebsschwäche durch Alter, Übergewicht oder Kollagenosen.
- Operationsnarben, die die Stabilität der Bauchwand beeinträchtigen.
Arten von Hernien
1. Leistenhernie (Hernia inguinalis)
- Häufigste Form (80 % aller Hernien), besonders bei Männern.
- Direkte Leistenhernie: Tritt medial der epigastrischen Gefäße durch die Bauchwand (Fossa inguinalis medialis).
- Indirekte Leistenhernie: Verläuft lateral der epigastrischen Gefäße durch den Leistenkanal.
2. Schenkelhernie (Hernia femoralis)
- Betrifft häufiger Frauen und tritt unterhalb des Leistenbands in der Lacuna vasorum auf.
- Höheres Risiko für Inkarzeration (Einklemmung).
3. Nabelhernie (Hernia umbilicalis)
- Häufig bei Säuglingen und übergewichtigen Erwachsenen.
- Entsteht an einer Schwachstelle im Bereich des Nabelrings.
4. Narbenhernie
- Entwickelt sich nach Operationen im Bereich von Narben.
- Ursache ist eine geschwächte Bauchwand durch unzureichende Heilung.
5. Epigastrische Hernie
- Tritt in der Linea alba zwischen Brustbein und Nabel auf.
- Häufig irreponibel und kann präperitoneales Fettgewebe oder Darmschlingen enthalten.
6. Zwerchfellhernie (Hernia diaphragmatica)
- Sonderform, bei der Organe aus dem Bauchraum durch das Zwerchfell in den Brustraum verlagert werden.
- Häufige Symptome sind Sodbrennen und Atembeschwerden.
7. Seltene Formen
- Richter-Hernie: Nur ein Teil der Darmwand ist eingeklemmt, ohne Darmlumenverschluss.
- Littré-Hernie: Enthält ein Meckel-Divertikel im Bruchsack.
- Amyand-Hernie: Die Appendix vermiformis befindet sich im Bruchsack, ggf. mit Appendizitis.
- Spieghel-Hernie: Tritt entlang der Linea semilunaris auf.
Symptome
Die Symptome variieren je nach Art und Größe der Hernie:
- Sichtbare oder tastbare Vorwölbung, oft schmerzhaft bei Belastung.
- Ziehender Schmerz in der betroffenen Region.
- Bei Komplikationen wie Inkarzeration: starke Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Fieber.
Komplikationen
Unbehandelte Hernien können schwerwiegende Komplikationen verursachen:
- Inkarzeration: Einklemmen des Bruchinhalts mit Durchblutungsstörung.
- Darmverschluss (Ileus): Blockade der Darmpassage.
- Ischämie und Nekrose: Absterben von Gewebe durch mangelnde Durchblutung.
Diagnostik
- Klinische Untersuchung mit Abtasten der betroffenen Stelle.
- Bildgebung:
- Ultraschall zur Beurteilung von Bruchsack und Inhalt.
- CT/MRT bei unklaren Fällen oder komplizierten Hernien.
Therapie
Chirurgische Behandlung
Eine Hernie kann nur durch eine Operation dauerhaft behandelt werden. Es gibt zwei Hauptmethoden:
- Offene Operation:
- Direkter Zugang zur Bruchpforte über einen Hautschnitt.
- Verschluss mit Naht oder Netzimplantation (z. B. Lichtenstein-Technik).
- Minimalinvasive Verfahren:
- TEP (Total extraperitoneale Plastik): Netzimplantation ohne Eröffnung des Bauchraums.
- TAPP (Transabdominelle präperitoneale Plastik): Netzimplantation über eine Bauchspiegelung.
Netzimplantation
Kunststoffnetze werden häufig verwendet, um die Bauchwand zu verstärken und das Risiko eines Rezidivs zu senken.
Spezielle Verfahren
- Zwerchfellhernien: Kombination aus Hiatoplastik und Fundoplicatio zur Stabilisierung des Zwerchfells und Behandlung von Refluxbeschwerden.
- Narbenhernien: Sublay-Technik mit Netzplatzierung unterhalb der Bauchmuskulatur.
Prognose und Nachsorge
Mit moderner Chirurgie ist die Prognose gut, insbesondere bei frühzeitiger Behandlung:
- Minimalinvasive Verfahren ermöglichen eine schnelle Genesung mit geringerem Risiko für Rezidive.
- Nach der Operation sollte körperliche Belastung für einige Wochen vermieden werden.
